Platycampus luridiventris FALLEN (Hym., Nematinae)

In der Dissertation wurde die Biologie, Ökologie und der Parasitenkomplex der Erlenblattwespe Platycampus luridiventris (Nematinae, Tenthredinidae) untersucht.

P.luridiventris unterscheidet sich im Larvenstadium von anderen freilebenden Arten durch die asselförmig abgeflachte Körperform, was den Larven eine hervorragende Tarnung verleiht. Daneben zeichnet sich P. luridiventris durch eine ausgesprochen lange Larvalentwicklung von ca. 3-4 Monaten aus. Die meiste Zeit des Tages sitzen die Larven unbeweglich an der Mittelrippe. Nur 3-5x täglich erzeugen sie in 20-40 Minuten ein Fraßloch auf der Blattfläche und wandern danach wieder zum Ruheplatz zurück. Die Larven sind somit durch eine geringe tägliche Fraßaktivität von 10-15% gekennzeichnet.

Populationsunterschiede: Im Freiland konnten die Larven auf Alnus glutinosa, A.incana und A. viridis nachgewiesen werden. Larven, gesammelt auf A.incana, unterscheiden sich in der Beborstung von denen auf A.glutinosa und A.viridis. Bei den Imagines konnten bisher keine morphologischen Unterschiede gefunden werden. Vergleichende Untersuchungen zeigten aber Unterschiede in der Eiablage-Präferenz der Imagines, in der Futterpflanzen-Präferenz der Larven und in der larvalen Entwicklungsgeschwindigkeit in Abhängigkeit von der Futterpflanze. Isozym-Untersuchungen mit Larven-Material aus Schleswig-Holstein, Österreich und der Schweiz ergaben, daß die Subpopulationen auf den einzelnen Wirtspflanzen deutlich genetisch isoliert sind.

Das Fraßverhalten von Platycampus luridiventris wurde mit dem von 35 anderen Blattwespen-Arten aus den Gruppen der Argidae, Blennocampinae, Nematinae, Tenthredininae und Selandriinae vergleichend untersucht. Arten, die wie P. luridiventris auf der Blattunterseite leben und dort auch fressen, waren ebenfalls durch niedrige Fraßaktivitäten von 10-40% und ähnliche Fraßmuster gekennzeichnet. Das Fraßverhalten von Platycampus stellt also kein aberrantes Merkmal dar, sondern ist vielmehr ein Kennzeichen von Blattflächenfressern. Allerdings erklären Fraßmuster und niedrige Fraßaktivität von P.luridiventris nicht die lange Larvalentwicklung. Arten, die am Blattrand fressen, hatten mit 50-90% wesentlich höhere Fraßaktivitäten. Nur die Minierer übertrafen diese noch mit täglichen Fraßzeiten von 85-95%. Besondere Lebensweisen und Fraßtypen die bisher noch nicht zugeordnet werden konnten, werden im einzelnen beschrieben und diskutiert.

Zusätzlich wurde das Konsumptionsverhalten von P. luridiventris mit dem von 8 weiteren Blattwespen-Arten verglichen. P. luridiventris besaß die niedrigsten Konsumptions- (CI) Wachstums- (GR) und Assimilationsraten (ECI, ECD), aber hohe Verdauungsraten (AD). Am nächsten standen P. luridiventris die Nematinus-Arten.

Sektionen und Zuchten von Larvenmaterial aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sollten zeigen, ob das aberrante Verhalten dieser Art einen Einfluß auf den Parasitenkomplex hat. Insgesamt konnten 7 Parasitenarten nachgewiesen werden, die bei allen Subpopulationen auftreten. Die beiden Junglarven-Endo-Parasiten Hypamblys albopictus (Ctenopelmatinae) und Olesicampe vexata (Campopleginae) waren meist die dominierenden Arten. O. vexata zeichnet sich dadurch aus, daß die L1-Stadien in die Kopfkapsel des Wirtes wandern und dort bis zum Abwandern des Wirtes bleiben. An vielen Standorten konnte oft nur H.albopictus nachgewiesen werden. Die Arten Mesoleius sternoxanthus und Mesoleius sp. (Ctenopelmatinae, Endoparasiten), sowie Euceros pruinosus (Eucerotinae, Hyperparasit) und Bessa selecta (Tachinidae, Endoparasit) traten meist nur in sehr geringen Raten auf. Der einzige Ektoparasit in diesem Komplex, Adelognathus difformis (Adelognathinae), besitzt seine nördliche Verbreitungsgrenze in Süddeutschland. Eine Berechnung der Diversität sowie der Vergleich mit 20 anderen freifressenden Nematinen aus der Literatur zeigte, daß P.luridiventris durch einen relativ artenarmen Parasiten-Komplex gekennzeichnet ist, bei dem die Junglarven-Parasiten dominieren. Tryphoninen, die typisch für Blattwespen sind, und bei allen anderen Blattwespen-Arten mit mindestens einer Species auftreten, konnten bei P.luridiventris nicht nachgewiesen werden. Auch tritt keine hyperparasitische Mesochorus-Art auf, die bei anderen von Olesicampe befallenen Blattwespen zu beobachten ist. Dies wird mit der versteckten Lebensweise der Larven von O. vexata erklärt. Die Artenarmut des Parasitenkomplexes und die meist hohen Parasitierungsraten unterschieden P.luridiventris nicht so stark von den anderen Nematinen, wie ursprünglich angenommen.

Euceros pruinosus (Zeichnung Dr. Bürgis, Worms).

Larve von Adelognathus difformis.

Junglarve von Hypamblys albopictus.

Last modified: Jan. 21, 1999


Lehrstuhl f. Tierökologie

Last modified: wh 14.03.02